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Soziales Umfeld
Es ist nicht einfach, über den unerfüllten
Kinderwunsch mit Außenstehenden zu sprechen, da dabei ein sehr
persönliches und intimes Paarproblem offenbart wird. Die
scheinbare „Unvollkommenheit“, die viele ungewollt kinderlose
Frauen und Männer auf der Identitätsebene empfinden, wird durch
eine Offenlegung einem erweiterten sozialen Umfeld mitgeteilt.
Paare zeigen dabei eine sehr verletzliche Seite.
Outing und Geheimhaltung
Jegliche Entscheidung – für oder gegen
eine Offenlegung, Vertagung des sich Mitteilens etc. – ist dabei
als individuelle Paarentscheidung zu respektieren. Wer sich „outet“
ist nicht automatisch weiter in der Bewältigung als jemand, der zum
Beispiel Freunde und Arbeitgeber nicht informiert.
Outing
Um das Pendel in Richtung Offenlegung ausschlagen zu
lassen, sollten ein oder besser mehrere der folgenden Kriterien
erfüllt sein:
- Sie selbst haben ein gesichertes emotionales
Bedürfnis, sich Nahestehenden mitzuteilen.
- Ihr Partner / Ihre Partnerin ist mit der
Offenlegung einverstanden.
- Der Empfänger Ihrer Nachricht über den
unerfüllten Kinderwunsch kann respektvoll und empathisch damit
umgehen. Jemand, der das Problem bagatellisiert oder es zukünftig
vermutlich tabuisiert, ist deswegen weniger geeignet.
- Sie haben Vorteile durch die
Offenlegung.
- Sie stellen selbst fest, dass Sie allmählich
„seltsam“ auf wichtige Bezugspersonen wirken und möchten nicht,
dass die Beziehung Schaden erleidet.
Manchmal „passiert“ die Offenlegung des
unerfüllten Kinderwunsches in zufälligen Gesprächssituationen,
manchmal steckt für die betroffenen Paare eine genaue Planung
dahinter: „Wem sage ich was, wann und wie?“. Beide Vorgehensweisen
– die spontane und die geplante – haben ihre Vorteile. Bei ersterer
ist es meist eine hohe Authentizität, die beim Gegenüber intuitives
Verständnis auslöst. Beim zweiten geplanten Vorgehen haben
Kinderwunschpaare mehr Kontrolle über das Geschehen.
Die Offenlegung des unerfüllten Kinderwunsches hat einen
wesentlichen psychologischen Effekt: Die Erklärung nach
„außen“ fördert die Akzeptanz des Problems nach „innen“. Einmal
ausgesprochen, wird es für viele Betroffene selbstverständlicher,
zu ihrem Problem zu stehen.
Ein weiterer Vorteil liegt oft darin, dass der Partner als
alleiniger Ansprechpartner in allen inneren Dingen rund um den
Kinderwunsch entlastet wird, wenn eine dritte oder vierte Person
unterstützend hinzukommt.
Am Arbeitsplatz reagieren viele Vorgesetzte mittlerweile
professionell auf das Thema „Fehlzeiten wegen
Kinderwunschbehandlung“. 25 Jahre IVF in Deutschland haben dafür
gesorgt, dass fast jeder Betrieb/jedes Büro bereits damit
konfrontiert war.
Geheimhaltung
Im Zusammenleben von Menschen gibt es auch
ein Recht auf „Nichteinmischung“. So gibt es auch genügend
Kinderwunschpaare, die sich (vorerst) gegen eine Offenlegung
entscheiden:
- Sie hoffen oder „wissen“ vielleicht sogar,
dass das Kinderwunschproblem ein vorübergehendes ist und warten mit
der Offenlegung erst einmal.
- Sie schützen sich vor Verletzungen und
verwenden zum Beispiel Ihre Kraft eher für die Behandlung selbst
als für die Versorgung des sozialen Umfeldes mit Informationen über
den Verlauf der Behandlung. Auffallend ist in diesem
Zusammenhang, dass Paare mit höherer IVF-Anzahl ihr soziales Umfeld
kaum mehr über die aktuelle Behandlung informieren.
- Der Austausch mit anderen Betroffenen oder
die Inanspruchnahme einer psychologischen Beratung bietet Ihnen
mehr Unterstützung als Gespräche mit dem gewohnten sozialen
Umfeld.
- Manche Paare, die von Außenstehenden als
Karrierepaar eingeschätzt werden, nutzen auch den Freiraum dieser
Etikettierung und denken oft nur „Wenn die wüssten“.
- Gerade „ältere“ Frauen mit Kinderwunsch
finden manchmal wenig Akzeptanz und Verständnis in ihrer
Situation.
Für manche Paare selbstverständlich, für andere
Paare das Schwierigste überhaupt, ist die Information der eigenen
Herkunftsfamilie. Zu vielen ungewollt kinderlosen Paar gehören auch
verhinderte Großeltern, da Sterilität immer auch eine
generationsübergreifende familiäre Wachstumskrise ist.
Oft leiden gerade Mütter sehr darunter, wenn ihre Tochter –
dauerhaft oder vorübergehend – kein Kind bekommt. Manche Töchter
schonen deswegen ihre Mütter. Kompliziert wird es meist auch, wenn
die vermutete Sterilitätsursache ein in der Kindheit zu spät
behandelter Hodenhochstand ist. Dann sind Schuldgefühle auf Seiten
der Eltern vorprogrammiert.
Selbstwert und soziales Umfeld
Menschen definieren ihren Selbstwert zu
großen Teilen im Kontakt und im Vergleich mit anderen. Selbstwert
braucht Resonanz um sich entwickeln zu können. Vor allem Frauen
haben bei längerem unerfüllten Kinderwunsch das Gefühl, auf der
Identitätsebene nicht „vollständig“, nicht „ganz“ und nicht
„vollwertig“ zu sein.
Das soziale Umfeld funktioniert dazu wie ein zusätzlicher
Verstärker: Wer sich selbst als nicht „vollwertig“ definiert,
selektiert im sozialen Umfeld seine Wahrnehmungen tendenziell so,
dass er genau dies zurückgespiegelt bekommt. Hinzu kommen
unabsichtliche, indiskrete und dumme Nachfragen von Personen, die
Kinderkriegen für die selbstverständlichste Sache der Welt halten.
Besonders schwer, aber mehr mit Schmerz als mit Neid zu erklären,
sind folgende Situationen:
- Schwangerschaften im engsten Familienkreis
und bei der besten Freundin.
- „Demonstrativschwangerschaften“.
- Ungewollte Schwangerschaften im
Bekanntenkreis.
- Baby- und Kinderfixierung bei sozialen
Aktivitäten mit jungen Familien.
Unerfüllter Kinderwunsch strukturiert also den
Freundes- und Bekanntenkreis neu. Manche Kontakte werden
vermieden, andere bauen sich neu auf.
Psychologische Fragen und
Einschätzungen:
- Ein selektiver sozialer Rückzug in bestimmten
Phasen ist in Ordnung. Ein nahezu kompletter Rückzug ist Anzeichen
für eine Depression und damit auffallend.
- Eine immer größer werdende
Selbstwertproblematik ist eine der klarsten Indikationen, um
professionelle psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen – zum
Beispiel auch in Form von angeleiteten Kinderwunschgruppen.
- Vergleichen Sie sich nach „oben“ – zum
Beispiel mit glücklichen jungen Familien oder auf der gleichen
Ebene mit anderen Kinderwunschfrauen / -paaren? Vergleiche auf der
gleichen Ebene sind günstiger und aussagefähiger.
- Manchmal ist es ein langer Weg, seinen
Selbstwert neu zu finden. Nach dem Motto „ich bin mehr als das
Problem“ kann eine neue Selbstdefinition früher oder später zum
Beispiel wie folgt lauten: – Ich bin eine normale /
selbstbewusste Frau mit der Besonderheit
Kinderwunsch – Ich bin ein ganz normaler Mann mit einer
besonderen Einschränkung – Wir sind ein glückliches Paar
mit einer großen Herausforderung.
Wenn Kinderwunschpaare auf diese Art und Weise in
wichtigen Bewältigungsschritten erfolgreich waren, können sie sogar
erkennen, dass auch „die anderen ein Problem mit unserem Problem
haben.“
Hilfen und Tipps
Die zentrale Frage, die Mitmenschen an
Kinderwunschpaare haben, lautet:
„Können die nicht oder wollen die
nicht?“
Für alle Kinderwunschpaare ist es
empfehlenswert, eine Reihe von „Standardantworten“ bereitzuhaben
beziehungsweise sie zu Hause sogar vor dem Spiegel einzuüben:
- „Wir haben es (das Kinderkriegen) für das
nächste Jahr ins Auge gefasst“ (kurze Kinderwunschzeit).
- „Ist zurzeit noch kein Thema für uns.“
- „Ich wüsste nicht, was Sie das angehen
würde.“
- „Sie werden der Erste sein, der es
erfährt.“
- „Wenn Kinderkriegen so einfach wäre, dann
hätten wir schon eines.“
- „Für ein Kind würden wir gern auf vieles
verzichten.“
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